"Es kommt immer alles raus"
Andreas Walter im Gespräch mit Geert Müller-Gerbes, Sprecher des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und Moderator zahlreicher RTL-Talk-Shows, über den Stellenwert von Glaubwürdigkeit in der Politik, die Konkurrenzsituation unter den Medien und die Eigenschaften von Jagdhunden.
Walter: Herr Müller-Gerbes, vor Weihnachten waren wir uns einig: Christian Wulff wird Weihnachten nicht mehr als Bundespräsident erleben. Warum lagen wir falsch?
Müller-Gerbes: Zum einen kann es sich Angela Merkel nicht leisten, einen zweiten, zurückgetretenen Bundespräsidenten auf ihrem Konto zu haben. Darüber hinaus sind die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung momentan nicht so, dass ein Nachfolger von Wulff sofort die gewünschte Mehrheit bekäme. Aber wir sollten mit Prognosen vorsichtig sein. So wurde pünktlich zum Jahreswechsel berichtet, dass Wulff beim Springer-Chef Döpfner versucht haben soll, geplante Veröffentlichungen in der Bild-Zeitung persönlich zu verhindern. Insofern ist die Affäre noch nicht ausgestanden.
Walter: Das heißt: Wulff bleibt?
Müller-Gerbes: Davon gehe ich aus. Noch.
Bild rechts: Geert Müller-Gerbes mit dem damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann (m.) und dem Journalisten Thilo Koch (li.)
Walter: Professionelles Krisenmanagement ist offensichtlich nicht die Sache des Bundespräsidenten. Wer ist für die Wulff-Affäre verantwortlich? Die Medien? Wulff höchstselbst? Sein Berater Olaf Gaeseker? Der hat jetzt zumindest den schwarzen Peter.
Müller-Gerbes: Ganz klar Wulff selbst. Er ist der falsche Mann auf dieser exponierten Position, er ist zu jung, seine Berater sind zu alt und dazu gesellt sich bei Wulff eine Portion Unerfahrenheit. Zudem verlangt das Amt des Bundespräsidenten etwas mehr, als nur juristisch nicht anfechtbare Entscheidungen. Der Bundespräsident sollte die oberste moralische Instanz sein.
Walter: Sie waren während der Amtszeit von Gustav Heinemann 1969–1974 selber Sprecher eines Bundespräsidenten. Welche Rolle nehmen Sprecher und Berater in solchen Situationen ein? Kurzum: Wie „führt“ man das höchste Organ im Land? Kann man da von klassischer Positionierungsarbeit im Sinne einer Marke sprechen?
Müller-Gerbes: Genau so ist es. Die strategische Planung über das Jahr hinweg war das Rückgrat unserer Arbeit. Zu welchen Gelegenheiten sagt der Bundespräsident was, wo und in welcher Form. Was muss mit einer großen Rede versehen werden, was nicht. 100 Jahre Reichsgründung war beispielsweise 1971 ein Schwerpunktthema. Ziel ist es immer, mit jeder Maßnahme, mit jedem Auftritt das Vertrauen in das Amt, dessen Repräsentant der Präsident ist, zu stärken. Das funktioniert natürlich nur, wenn Wort und Tat im Einklang stehen.
Walter: Vertrauen aufbauen – ein langwieriger Prozess. Fällt Ihnen spontan ein Beispiel ein, in dem das Vertrauen in den Präsidenten dem Land zugute kam? Eine Situation, in der Heinemann eine Art Vertrauensvorschuss brauchte?
Müller-Gerbes: Das sicherlich furchtbarste Ereignis während Heinemanns Amtszeit war das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft 1972 während der Olympischen Spiele. Siebzehn Tote, davon elf Israelis, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist. Wir haben daraufhin eine Rede für Heinemann geschrieben, mit der er weltweit die Akzeptanz der Entscheidung erreichen musste, die Spiele fortzuführen. So etwas gelingt natürlich nur jemandem, der dauerhaft Vertrauen und Glaubhaftigkeit verkörpert.
Walter: Nun war Heinemann 1969 am Beginn seiner Präsidentschaft bereits durch seine Vita profiliert: Widerständler in der NS-Zeit, Zweifel an der Westbindung, daher Rücktritt aus Adenauers Kabinett, Verständnis für die aufkommende Studentenbewegung et cetera. Wo sehen Sie die Themen, mit denen sich Wulff profiliert?
Müller-Gerbes: Er hat häufig und glaubhaft über Integration gesprochen. Der Auftritt in Israel zusammen mit seiner Tochter aus erster Ehe war stimmig und gut. Aber es muss eben das ganze Bild stimmen. So hat Heinemann beispielsweise darauf bestanden, die Flugtickets für seine zwei Kinder nach Osaka selber zu bezahlen. Ziel der Reise war die Weltausstellung in Japan. So etwas habe ich von Christian Wulff noch nicht gehört.
Walter: … wobei die Tatsache – von einem Freund einen Privatkredit anzunehmen – per se kein Verbrechen ist.
Müller-Gerbes: Gerade deswegen ist das Verschweigen der Umstände absolut tödlich. Er hat nie gesagt was ist, sondern immer nur, was andere herausgefunden haben. Und so wird innerhalb kürzester Zeit aus einer Mücke der bekannte Elefant …
Walter: … und die Spurensuche beginnt.
Müller-Gerbes: Aber natürlich. Journalisten sind wie Jagdhunde. Wenn ein Jagdhund nichts kriegt, schnüffelt er so lange, bis er was kriegt. Hat er was gefressen, dann läuft er nicht mehr so schnell, weil er satt ist.
Walter: Nun hat Wulff nicht nur nicht alles gesagt, sondern auch noch offensichtlich versucht, die Veröffentlichung eines kritischen Artikels zu verhindern. Dabei hat doch der Fall Käßmann gezeigt, dass in Deutschland Fehler durchaus verziehen werden.
Müller-Gerbes: Aber natürlich. Margot Käßmann hat sich gleich dazu bekannt und dies noch mit dem Satz kommentiert: „Ich kann nicht tiefer fallen als in die Hand Gottes.“ Genial. Die Medien hatten ihre Story bekommen: „Eine Bischöfin ist keine Heilige“ (Bild) und gut war`s.
Walter: Wäre die Wulff-Affäre zu Heinemanns Zeiten überhaupt ans Licht gekommen? Gab es damals auch schon derart hungrige „Jagdhunde“?
Müller-Gerbes: Solche Dinge kommen immer raus. Zumal die Journalisten zur Zeit der Bonner Republik nicht schlechter waren. Im Gegenteil.
Walter: Ein Blick ins Fernsehen kurz vor Weihnachten auf die Top-Themen-Liste ergab Aufschlussreiches. Behandelt wurden die Affäre Wulff, die blau-gelbe Boygroup FDP und die Rückkehr des CSU-Jungstars K.T.G. Ich meine: Wenn das die TOP-Themen sind, dann geht`s uns doch eigentlich prächtig.
Müller-Gerbes: Da sprechen Sie wirklich das gesamte Spektrum von genial bis dilettantisch an. Karl-Theodor zu Guttenberg hat auf glänzende Art und Weise mit den Medien gespielt, egal was man von ihm hält. Das kann man nicht besser machen. Neugier wecken, außerhalb Deutschlands, Interview in einer hoch seriösen Wochenzeitung, so dass ihm nichts vorzuwerfen ist. Buch geschrieben, Gel aus den Haaren und diskrete Zurückhaltung. Nettobotschaft: „Seht her, ich bin immer noch mit einer Enkelin von Bismarck verheiratet.“ Er zeigt, wie man mit den Medien spielen kann. Super. Die blau-gelbe Boygroup macht es genau umgekehrt. Die wissen alle dasselbe, wie
Guttenberg, nur handeln sie nicht danach. Die tun so, als gäbe es draußen diese Jagdhunde nicht, die ihre Story brauchen. Die haben wirklich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.
Walter: Und das Fernsehen bietet für all das die Plattform.
Müller-Gerbes: Es ist in der Tat erschütternd zu sehen, wie die ARD an fünf Tagen in der Woche zuzüglich Sonntag – ich wiederhole – zuzüglich Sonntag – jedes Thema zersabbelt. Null weiterführende Informationen, null Erkenntniszuwachs. Alles, aber auch alles wird zersabbelt. Schlimm.
Walter: Trotzdem kann man gegen die Medien nicht regieren.
Müller-Gerbes: Das kommt auf das Medium an. Gegen die Bild-Zeitung zu regieren – das wird nicht gehen. Schon gar nicht, wenn man auch noch versucht, persönlich Einfluss zu nehmen.
Walter: Es gilt also die Lex Diekmann: „Wer mit uns im Fahrstuhl nach oben fährt, der fährt auch mit uns wieder nach unten.“
Müller-Gerbes: Ergänzen wir es noch um die Lex Schröder. Will man Erfolg haben, braucht man „Bild, Bild am Sonntag, Glotze.“
Zur Person:
Geert Müller-Gerbes gehört zur Riege der erfahrensten deutschen Journalisten. Er studierte Geschichte, Publizistik und Jura an der FU Berlin und arbeitete als Journalist beim Tagesspiegel, beim RIAS und beim SFB. Mit 31 Jahren wurde er Sprecher des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann während dessen gesamter Amtszeit. Anschließend wechselte er auf den Sprecherposten des Familienministeriums und war danach unter anderem im Vorstand der Bundespressekonferenz, bevor er zu RTL wechselte. Dort moderierte Müller-Gerbes zahlreiche Talkshows, bekam für die Talkshow „Die Woche“ die Goldene Kamera und moderierte acht Jahre lang die Sendung „Wie bitte?“ 2000 zog er sich aus dem aktiven Geschäft zurück.


