Walter Strategische Kommunikation

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Strategische Kommunikation
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„Da ist viel kaputt gegangen.“

Ulrich Lota, Sprecher des Essener Bischofs, und Klaus Gerhards, ehemals im aktiven Kirchendienst, nun Inhaber der iD-Agentur-Ruhr, im Gespräch mit Andreas Walter über den Zustand der katholischen Kirche, den Fall Mixa und den Umgang mit Schuld.

Walter: Herr Lota, die Missbrauchsdebatte beherrscht seit Wochen die Medien. Viele Opfer haben erst jetzt den Mut gefunden, darüber zu reden. Hatten Sie schon Gelegenheit mit  einigen Opfern zu sprechen?

Lota: Ja, das hatte ich. Einige Opfer haben sich sogar hier bei mir in der Pressestelle gemeldet. Aus diesen Anrufen wurden nicht selten sehr lange Telefonate und ich muss sagen, dass es teilweise unfassbar war, was ich da zu hören bekam. So haben Eltern ihren Kindern nicht geglaubt, weil deren Schilderungen ihnen so abstrus vorkamen, dass sie als krude  Kinderphantasien abgetan wurden.

Walter: Und was ist mit den Tätern?

Lota: Von den Tätern, mit denen ich gesprochen habe, hatte ich nicht selten das Gefühl, dass sie in einer Doppelwelt leben und häufig ausblenden, was sie gemacht haben.

Walter: Gelingt es Ihnen in solch einer Situation, Ihre Person von Ihrer Funktion als Sprecher des Bistums zu entkoppeln?

Lota: Das ist sehr schwer. Vor allem die ersten drei Wochen waren hart. Wenn man dann bis abends spät telefoniert – wie gesagt auch mit Opfern – dann lässt man das nicht so
einfach im Büro, das nimmt man auch mit nach Hause. Denn im Prinzip werde ich ständigdam it konfrontiert. Schließlich ist das ja auch in den Gemeinden Thema.

Gerhards: Allerdings. Wobei ich dort eine Art Zweiteilung beobachte. Die Jungen artikulieren ihr Unwohlsein deutlich, während bei den Älteren eher eine tiefe Stille zu beobachten ist. Sie sind einerseits fundamental erschüttert. Andererseits sind sie es nicht gewohnt über so etwas zu reden, geschweige denn es in Frage zu stellen.

Walter: Gleiches gilt im Prinzip auch für die Kirche.

Gerhards: Ja, im Prinzip schon. Denn es gibt zahlreiche Barrieren, und die sich daraus ergebenden Probleme sind systemimmanent.

Walter: Was dazu führt, dass das Ansehen der Kirche oft wichtiger scheint als jetzt beispielsweise die Opfer. Oder wie ist sonst der Fall Mixa zu erklären?

Gerhards: Was mich in diesem Zusammenhang gewundert hat ist, dass nach der Causa Käßmann die katholische Kirche den Fall Mixa nicht konsequenter und schneller durchgezogen hat.

Lota: Ein entscheidender Grund ist dabei sicher das unterschiedliche Verständnis des Bischofsamtes in der katholischen und der evangelischen Kirche.

Walter: Wir haben bisher hauptsächlich von den externen Zielgruppen gesprochen. Was hat der Skandal aber für die „normalen“ Mitarbeiter der Kirche bedeutet?

Lota: Da sind bei vielen fundamentale Dinge erschüttert worden. Das Schlimmste aber ist meiner Meinung nach, dass eine gewisse Unbefangenheit verloren gegangen ist. Wenn jetzt beispielsweise ein junger Kaplan mit Jugendlichen ins Zeltlager fährt, hat keiner mehr ein gutes Gefühl dabei.

Walter: Mir ist es unbegreiflich, warum der Papst als Oberhaupt der Katholiken – im Unterschied zu vielen deutschen Bischöfen – Ostern als höchstes christliches Fest nicht zur  Klarstellung und eindeutigen Positionierung genutzt hat. Stattdessen sieht man Kardinäle, die dem Papst Treue schwören. Dabei habe ich immer das Gefühl, dass die meisten Christen  sich nach klaren Worten sehnen, um wieder glauben zu können.

Lota: Grundsätzlich haben Sie sicher Recht. In Deutschland stecken wir in der Situation, dass wir 27 Diözesen haben, jede relativ autonom. Da ist es natürlich sehr schwer, alles unter einen Hut zu bringen. Ich kann hier in Essen gute Kommunikation machen, einige andere Kollegen auch. Wenn dann aber ein einziger negativer Fall kommt, ist es wieder „die Kirche“.

Walter: Herr Lota, wie kann es der Kirche gelingen, die verlorene Glaubwürdigkeit wieder zu erlangen?

Lota: Grundsätzlich ist es gut und richtig, dass die Fälle auf den Tisch kommen. Es ist schmerzhaft für die Kirche und berührt natürlich deren Glaubwürdigkeit. Allerdings müssen wir auch zugeben, dass die Kirche vertuscht hat, dass sie Opfern nicht geglaubt und Schuld auf sich geladen hat. Einzig die Art und Weise wie wir jetzt damit umgehen wird entscheiden, ob wir unsere Glaubwürdigkeit wieder erlangen. Denn die Kirche hält die Fahne hoch und tritt für Moral, Ordnung und Ethik ein. Natürlich müssen wir uns daran messen lassen.

Walter: Schafft das die Kirche oder steht sie sich selbst im Weg?

Gerhards: In der Beziehung bin ich mir bei zwei Dingen nicht ganz sicher, ob die Kirche das aus eigener Kraft schafft. Zum einen ob es ihr gelingt, zur Sexualität ein unverkrampftes  Verhältnis zu entwickeln. Zum anderen, ob sie generell über das kirchliche Amt mit all dem, was daran hängt, zu einer zeitgemäßeren Lösung kommt.

Lota: In der Tat sind das die zwei zentralen Problempunkte: Sexualität und Macht! Gerade zu dem ersten Punkt wieder ein unverkrampftes Verhältnis zu bekommen – das wird sehr  schwer. Denn da ist viel kaputt gegangen.


Zur Person

Ulrich Lota ist Sprecher des Bistums Essen und leitet dort den Zentralbereich Kommunikation. Klaus Gerhards war früher im aktiven Kirchendienst tätig. 2006 gründete der die iD-Agentur-Ruhr. Ideen- und Projektentwicklung in Essen.

 

Dieses Gespräch ist erschienen im Zeitzeichen Corporate Responsibility: Strategische Option oder Überzeugung.

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