Walter Strategische Kommunikation

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Strategische Kommunikation
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„Ein Bild ist sofort da!“

Andreas Walter im Gespräch mit dem Reportage- und Industriefotografen Thomas Ernsting über die Kriterien für ein gutes Foto, die Vorzüge von großen Industriehallen und den Unsinn manipulierter Bilder.

Walter: Herr Ernsting, was kann ein Bild, was andere Formen der Kommunikation nicht können?

Ernsting: Ein Bild ist sofort da. Von einem auf den anderen Moment. Ein Bild verfügt über die Eigenschaft binnen Sekunden Emotionen, Atmosphäre und Stimmungen zu transportieren. Nicht ohne Grund beginnen Reportagen in der Regel immer mit einem Foto, quasi als eine Art visuelle Überschrift.

Walter: Bilder können aber auch manipulieren. Beispielsweise dann, wenn einem Vorstandsvorsitzenden im Nachhinein die Rolex wegretuschiert wird oder – weniger dramatisch – eine Schauspielerin zwei Wochen nach der Entbindung ihres vierten Kindes den Körper einer durchtrainierten 18-Jährigen zu haben scheint. Wo sind für Sie die Grenzen der Bildbearbeitung?

Ernsting: Für mich gibt es da eine klare Grenze. Ich halte es genauso wie GEO: Alles was man früher im Fotolabor bearbeitet hat  – Helligkeit, Kontrast etc. – ist ok. Alles andere tabu. Es lohnt sich auch nicht. Denn es gibt eine Instanz, der früher oder später alles auffällt: der Leser. Selbst wenn Sie eine Hütte im Hochland von Papua-Neuguinea in ein Foto einbauen wollen, können Sie sicher sein, dass da irgendwer schon mal war und genau weiß, dass an exakt diesem Punkt alles steht – nur nicht diese Hütte.

Walter: Was  sind für Sie Kriterien für ein „gutes Foto“?

Ernsting: Es gibt die weit verbreitete Einstellung „mittig und scharf“.  Das klassifiziert die Dokumentarfotografie und ist für manche Anforderungen okay. Zum Beispiel für Gebrauchsanweisungen. Der Nachteil: Es ist relativ langweilig, weil da im Bild nichts passiert. Leider findet sich diese Art von Fotografie auch in Broschüren, Flyern, Kundenmagazinen oder auch auf Messeauftritten vieler Unternehmen wieder. Da werden dann oft Chancen vertan und das Potential eines Bildes überhaupt nicht genutzt.

Walter: Dabei wollen Unternehmen doch in ihrer Werbung die Marke oftmals „emotionalisieren“.

Ernsting: Eben. Das verstehe ich auch nicht. Wenn Sie über Messen gehen, dann werden Sie garantiert das Gegenteil erleben: Fotos, die nur sehr bedingt emotionalisieren.

Walter: Wie arbeiten Sie? Was verlangt beispielsweise GEO?

Ernsting: GEO verlangt zweierlei: eine eigene Handschrift des Fotografen und die Fähigkeit, mit den Bildern eine Geschichte zu erzählen, statt Einzelfotos abzuliefern. Ich versuche in meinen Bildern immer eine gewisse Spannung aufzubauen, arbeite viel mit Kontrasten und auch mit unterschiedlichen Lichtsituationen in einem Bild. Wichtig ist in der Tat, dass man seinen eigenen Stil findet. Was und ob Sie studiert haben, ist relativ egal. Das hat mich bei GEO noch nie jemand gefragt.

Walter: Der erste Teil Ihrer beruflichen Laufbahn ist wahrscheinlich für jeden Hobbyfotografen der Traum schlechthin: als Reportagefotograf um die Welt zu reisen, das auch gut bezahlt zu bekommen und die Fotos anschließend in der GEO oder im Stern zu veröffentlichen. Was war für Sie vor diesem Hintergrund ausschlaggebend, sich in Richtung Industriefotografie zu verändern?

Ernsting: Wenn Sie irgendwann mal eine Familie haben wollen, dann ist die Industriefotografie die deutlich familienfreundlichere Lösung. Hinzu kommt natürlich noch, dass Sie bei einer Halle genau wissen, was Sie vor Ort erwartet. Den Regenwald können Sie schlecht ausleuchten. Wenn Sie da keine optimalen Bedingungen haben, heißt es warten oder wiederkommen. Oft Stunden oder Tage. Aber keine Frage, die Reportagefotografie ist natürlich deutlich reizvoller.

Walter: Bleiben wir bei den Hobbyfotografen. Eine der drängendsten Fragen wäre sicher: Wie kommt man als Fotograf zur GEO und zum Stern?

Ernsting: Bei mir ist das sicher nicht prototypisch gelaufen. Generell ist das Procedere eher unspektakulär. Sie reichen Ihre Fotos ein und sehen dann, ob das für das Magazin interessant ist. Aber das hat bei mir auch nicht gleich geklappt. Meine erste Arbeit wurde abgelehnt. Berechtigterweise. Schöne Einzelfotos, aber keine Story. Einige Zeit nach dieser Absage habe ich zufällig einen Bewerbungsfolder für den World Press Photo Award in die Hände bekommen. …

Walter: …ein Wettbewerb eigentlich nur für Berufsfotografen…

Ernsting: Genau. Deswegen haben die sich am Telefon erst einmal schlapp gelacht, als ich mich da näher erkundigt habe. Aber ich habe dort trotzdem mitgemacht und gewonnen. Da wurde dann GEO auch wieder auf mich aufmerksam, hat mich nochmals eingeladen und ich ging dann mit drei Aufträgen nach Hause.

Walter: Wie viele schaffen es pro Jahr bei GEO, Stern und Co. als freier Fotograf?

Ernsting: Ich habe dort mal vor einigen Jahren einen Workshop gemacht,  und da war das Verhältnis in etwa so, dass sich pro Jahr ungefähr 1.500 Fotografen beworben hatten und sich letztendlich drei persönlich vorstellen durften.

Walter: Sie sind Vermessungsingenieur – studierter Geodät. Das hat relativ wenig mit Fotografie zu tun. Kann es sein, dass Fotografen ohne fachspezifisches Studium offener und freier an die jeweilige Aufgabe herangehen, weil nicht gleich die beschränkenden technischen Kriterien mitlaufen – quasi als Schere im Kopf?

Ernsting: Das ist eine sehr gute Frage, über die ich noch nicht nachgedacht habe. Ich habe jedenfalls oft mit gelernten Fotografen über deren Studium geredet und fand immer, dass das Studium recht praxisfern war. Aber fairerweise muss ich sagen, dass das schon einige Zeit her ist.

Walter: Stichwort „digitale Fotografie“. Besteht in der schnellen Verfügbarkeit der Bilder und Ergebnisse nicht auch eine große Gefahr? Der Kunde sieht am Set sofort das Bild und bekommt den gesamten Arbeitsprozess in der Länge gar nicht mehr mit?

Ernsting: Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. Im Gegenteil: Wenn der Kunde da ist, dann sieht er auch, dass es beispielsweise zwei Stunden dauert, bis das Licht steht. Mittlerweile bestehe ich sogar drauf, als eine Art Rebriefing.

Walter: Sie haben viermal den World Press Photo Award gewonnen, sind 2006 und 2007 von Acatech als bester Technikfotograf ausgezeichnet geworden und haben mittlerweile über 70 Reportagen in der GEO, im Stern und National Geographic veröffentlicht. Wie viele Fotos haben Sie mittlerweile von Ihren Kindern gemacht?

Ernsting: So genau weiß ich das nicht. Mittlerweile registrieren das die Beiden aber schon gar nicht mehr, zumal ich dazu fast immer so eine kleine Sucherkamera nehme. Mir fällt das immer auf, wenn unsere Kinder Freunde da haben. Die gucken noch jedes Mal hoch, wenn ich fotografiere.

 


Zur Person

Thomas Ernsting ist einer der gefragtesten Reportage- und Industriefotografen in Deutschland. Neben zahlreichen Preisen und Auszeichnungen hat er bereits viermal den World Press Photo Award gewonnen – eine der bedeutendsten Auszeichnungen für Fotografen. Von seinen Fotoreportagen – ebenfalls mehrfach prämiert – sind mittlerweile  über 70 in den Magazinen GEO, Stern oder im National Geographics erschienen. Der studierte Geodät lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Bonn.

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