Walter Strategische Kommunikation

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Strategische Kommunikation
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„Das Publikum gibt dir direkt Rückmeldung: hat der Gag funktioniert oder nicht!“

Markus Paßlick, Fernsehautor und Percussionist der Götz Alsmann Band, im Gespräch mit Andreas Walter über Heuschrecken, Harald Schmidt und den magischen Moment bei einem Konzert.


Walter: Markus, hast du eigentlich ein gespanntes Verhältnis zu unserem Ex-Vizekanzler, Franz Müntefering?

Paßlick: Nein. Wieso?

Walter: Du bist diplomierter Zoologe und hast deine Abschlussarbeit über „Verbreitung, Ökologie und Gefährdung der Heuschreckenfauna der Stadt Münster“ geschrieben. Nun hat diese Spezies durch Münteferings Heuschreckenvergleich einen herben Imageschaden erlitten. Trifft dich das nicht?

Paßlick: Das trifft mich tief. Zumal er präziser hätte sein müssen. Denn nur die Wanderheuschrecke (Locusta migratoria) zieht alle paar Jahre marodierend von Feld zu Feld und frisst alles kahl. Aber er hat gleich eine ganze Insektengruppe verunglimpft. Außerdem wurden seit 100 Jahren keine Wanderheuschrecken mehr in Deutschland gesichtet, die Zahl der marodierenden Manager hat in dieser Zeit allerdings stark zugenommen.

Walter: Bleiben wir bei der großen Wanderheuschrecke. Ich sehe, du hast ein Nokia-Handy. Keine Probleme mit der Marke? Nachdem, was in Bochum passiert ist?

Paßlick: Doch massiv. Zumal ein enger Freund von mir direkt betroffen ist. Mich ärgert es ungeheuer, wie dort mit den Menschen umgegangen wird. Doch abseits der emotionalen Bewertung ist es mir unbegreiflich, wie unprofessionell dieses Thema von einem Weltkonzern kommunikativ angegangen wurde. Mein Handyvertrag läuft nächsten Monat aus, mein neues Handy wird mit Sicherheit keines aus dem Hause Nokia sein. Ich weiß nicht, ob das Nokia in irgendeiner Art und Weise trifft, aber ich finde solche individuellen Reaktionen wichtig.
Walter: Sind nicht wir Endkunden allein durch die ganzen internetbasierten Möglichkeiten wie Foren, Communities oder Blogs ein Stück mächtiger geworden ?

Paßlick: Ich kenne viele, die sich vor dem Kauf eines Produktes intensiv im Internet informieren. Der Verbraucher hat dadurch sicher mehr Macht bekommen. Ich bin aber kein Freund von „Geiz ist geil“. Ich bin der Meinung, dass sich die Hersteller wieder mehr um die Qualität und Verlässlichkeit ihrer Marken kümmern sollten, als nur um die Produktionskosten in
Billiglohnländern.

Walter: Stichwort „Marke“: Du warst sieben Jahre für Harald Schmidt tätig, u.a. auch eine Zeit als Gagchef für den aktuellen Block seiner Show. Du schreibst für Cordula Stratmann, Ralf Schmitz, Reinhold Beckmann oder Götz Alsmann. Ist diese Arbeit vergleichbar mit der Kommunikation für klassische Marken? Gibt es Attribute oder Haltungen der jeweiligen Person, die du als Autor berücksichtigen musst?


Paßlick: Das kann man sehr gut vergleichen. Allerdings gibt es da keine schriftlichen Briefings oder irgendwelche Markenwerte. Die Kunst ist, sich in den Künstler hineinzuversetzen und zu entscheiden, welcher Gag zur Person passt. Wenn ich Moderationsvorschläge für eine Klassik Show mit Götz Alsmann schreibe, muss die Humorfarbe eine andere sein, als die für Cordula Stratmann oder Harald Schmidt. Die „Marke“ Götz Alsmann steht für intelligente Unterhaltung, nicht für platte oder verletzende Witze. Bei Ingo Appelt ist das allerdings Konzept. Aber natürlich gibt es auch viele Comedians, die darauf nicht so achten. Und dann leidet – moderat formuliert – etwas die Qualität.

Walter: Liegt das auch an der momentanen Comedyschwemme?

Paßlick: Mit Sicherheit. Ich werde zwar keine Namen nennen, aber ich finde, dass es unglaublich viel handwerklich schlecht gemachte Comedy gibt. Und natürlich – wie du zu Recht sagst – mengenmäßig einen absoluten Overkill.

Walter: Aber thematisch ist dieser Overkill nicht gerade zu spüren. Mir scheint – und ich darf ja Namen nennen - bei Mario Barth und Co. geht es immer wieder um Beziehungs- und Konsumthemen. Damit lassen sich offensichtlich Stadien füllen.

Paßlick: Klar. Die müssen mit ihrem Produkt an die jüngeren Zielgruppen ran. Du darfst dabei nicht vergessen, dass in der Comedyszene momentan viel Geld auf der Strasse liegt. Und wer da ran will, muss halt Massen bewegen und sich somit auch an den Massengeschmack halten.

Walter: Wechseln wir die Perspektive. Verlassen wir den Bereich hinter der Bühne und treten vor den Vorhang! Du stehst mit der Götz Alsmann Band rund 100 mal pro Jahr selber im Rampenlicht. Ganz ehrlich: Wollt ihr nicht auch einmal, wie Mario Barth, ein komplettes Stadion füllen?

Paßlick: Ganz ehrlich: Nein!

Walter: Weil es nicht zur „Marke“ Götz Alsmann Band passt?

Paßlick: Das ist genau der Punkt. Wir achten sehr auf die Spielstätten, um den Zuschauern einen entsprechenden Rahmen zu bieten: beispielsweise die Kölner Philharmonie, das Leipziger Gewandhaus, den Admiralspalast in Berlin oder auch das Colosseum in Essen. Das ist Teil unseres Konzeptes. Ein volles Fußballstadion verspricht einen tollen Blick von der  Bühne auf das Publikum, aber nicht umgekehrt. Fernseh gucken kann ich auch Zuhause, und das ist als Zuschauer auch noch billiger als der Besuch eines Stadionkonzertes.

Walter: Wie schafft man es trotz dieser Konzertroutine dem Publikum das Gefühl zu geben: „Irgendwie war es doch ein ganz besonderer Abend?“

Paßlick: Für mich ist entscheidend, dass wir vor jedem Konzert aufs Neue bewusst die Verantwortung übernehmen, dass die Leute einen schönen Abend haben. Das setzt sich aus vielen kleinen Dingen und Ritualen zusammen, die nichtig erscheinen mögen, für mich aber wichtig sind. Dazu gehört, dass ich mir vor dem Konzert ganz bewusst einen Anzug anziehe und schaue, dass ich ordentlich aussehe. Aber die größte Motivation entsteht immer dann, wenn wir gemeinsam raus auf die Bühne gehen und mit Applaus empfangen werden. Dies, obwohl wir noch gar kein Stück gespielt haben. Da entsteht ein schwer zu beschreibendes, fast magisches Gefühl des Wohlwollens und der Wertschätzung. Allein das ist schon Motivation genug.

Walter: Aber es gibt doch auch schlechte Tage?

Paßlick: Natürlich gibt es die. Aber gerade dann ist die Anspannung besonders groß und du bist doppelt konzentriert.

Walter: Merkst du sofort, wie ein Stück beim Publikum ankommt?

Paßlick: Sofort. Du kriegst auf der Stelle Rückmeldung: Bist du gut oder bist du schlecht. Ich mache im aktuellen Programm „Mein Geheimnis“ auch eine Solonummer. Dabei spüre ich genau, ob der Gag funktioniert hat oder nicht. Eisiges Schweigen im Publikum - Das ist brutal aber ehrlich. Zum Glück passiert das nur sehr selten.

Walter: Die Götz Alsmann Band ist zudem eine gefragte Begleit- und Studioband. Dabei deckt ihr musikalisch eine ungeheure Bandbreite ab: ihr werdet sowohl von Reinhard Mey gebucht als auch von Bands mit einer etwas härteren Gangart wie „Die Ärzte.“ oder „In Extremo“ Wie kommt es zu derart unterschiedlichen Engagements?

Paßlick: Mit Reinhard Mey sind wir schon viele Jahre befreundet, da hat sich die Zusammenarbeit fast logisch ergeben. Die Ärzte wollten vor Jahren eine Calypso-Nummer aufnehmen, da kamen sie auf die Idee uns für einen Song zu engagieren. Durch die Tourneen und Fernsehshows lernt man immer wieder Musiker verschiedenster Genres kennen. Auf unserer letzten CD singt Götz z.B. ein Duett mit Annett Louisan, die wir kurz zuvor bei der Verleihung der Goldenen Stimmgabel getroffen hatten.

Walter: Abschließende Frage: Gibt es einen „Glaubenssatz“, den du mit auf die Bühne nimmst?

Paßlick: Spiele den Leuten nichts vor – kein betoniertes Quizmasterlächeln! Der Rest kommt von alleine.

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