Walter Strategische Kommunikation

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Strategische Kommunikation
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„Es reicht nicht, einfach nur schnell zu sein!“

Die deutsche Motorsport-Legende, Hans-Joachim Stuck, im Gespräch mit Andreas Walter über Benimm-Seminare für junge Rennfahrer, den Vergleich von Führungskräften im Unternehmen und Formel 1 – Piloten sowie über die Hackordnung auf deutschen Autobahnen.


Walter: Herr Stuck, hier am Nürburgring wird einem klar, dass es so etwas wie ein Rennsport-Gen geben muss. Etwas, das Fahrer und Fans eint. Haben Sie diesen genetischen Code geknackt – können Sie ihn entschlüsseln?

Stuck: Ich glaub schon. Ich glaube, alles liegt im Automobil begründet. Uns als Rennfahrer fasziniert es sowieso: die Technik, der Reiz ständiger Verbesserungen und natürlich das Rennen – die Wettkampfsituation an sich. Für die Fans kommt dann beides zusammen und formt den genetischen Code, wie Sie es treffend formuliert haben: die technische Faszination eines Rennautos und dessen Beherrschbarkeit durch den Fahrer, wodurch natürlich viele Fahrer zu Vorbildern werden.

Walter: Wobei sich `Vorbild´ sicher heute anders definiert, als in den 70er und 80er Jahren?


Stuck: Es reicht nicht mehr, einfach nur schnell zu sein. Der Rennfahrer hat heute auch eine große Verpflichtung gegenüber seinen Sponsoren. Denn ohne die Sponsoren würde im Motorsport – und nicht nur da – nicht mehr viel laufen. Insofern musst du heute als Rennfahrer auch eine andere Bühne bespielen. Denn du bist nicht nur Vertreter des Rennstalls sondern in dem Moment repräsentiert man auch die Marke des Sponsors.

Walter: Sie sagen, dass schnell sein alleine nicht reicht. Ist das ein ähnliches Phänomen wie in Unternehmen. Dort sind Führungskräfte fachlich oft kaum angreifbar, weisen aber im Bereich Führung Defizite auf.


Stuck: Exakt. Oder im Bereich der Kommunikation. Eine offene und freundliche Art ist da die Grundvoraussetzung, ist heute Teil des Jobs. Auch wenn es mitunter nicht immer leicht fällt. In der Formel 1 wäre ein Gespräch wie unseres hier beispielsweise ohne Presseattaché gar nicht möglich. Aber den schenken wir uns heute einfach…


Walter: Die Deutsche Post Speed Academy und die ADAC Stiftung Sport sind solche Institutionen, in denen junge Sportler lernen, sich auf öffentlichem Parkett zu bewegen. Dort engagieren Sie sich auch?


Stuck: Richtig. Das ist für junge Sportler enorm wichtig. Dazu gehört eine gute Rhetorik und eine gewisse Bildung. Die Kandidaten der Deutsche Post Speed Academy und der ADAC Stiftung Sport besuchen über das Jahr verteilt Workshops, in denen sie solche Kenntnisse vertiefen. Das Programm reicht von Mentaltraining über Englisch- und Golfkurse bis zum Benimm-Seminar.

Walter: Benimm-Seminar?

Stuck: Es geht ja nicht nur um die klassischen Medien, sondern auch Kommunikationsformen wie twitter oder facebook wo sich Neuigkeiten – wahr oder falsch - rasend schnell verbreiten. Früher war das Medieninteresse natürlich deutlich geringer.

Walter: Das fand offensichtlich der britische Rennfahrer Stirling Moss deutlich angenehmer. Zumindest hat er festgestellt, dass er nach einem Sieg früher sofort Mädels jagen konnte. Heute muss man erst seinen Sponsoren zur Verfügung stehen, bevor der Spass beginnt.

Stuck: Es waren natürlich andere Zeiten.

Walter: Klingt da etwas Wehmut an?

Stuck: Nein. Im Gegenteil. Es war für den Motorsport ideal, dass sich RTL seinerzeit mit Michael Schuhmacher so engagiert hat. Die heutige Generation sind alles sehr eloquente und tolle Jungs und teilweise mit 19 ja schon alle verheiratet. Als ich letztens gefragt wurde, was der größte Unterschied zu meiner Zeit war habe ich gesagt: „When I was doing Formular1, it was a time where sex was safe and racing was dangerous.“ Heute ist es wohl eher umgekehrt.

Walter: Eines der Dauerbrenner in der Formel 1 ist die Sicherheit. Sie selbst hatten 2008 einen schweren Unfall. Wie geht man damit um? Gibt es Angst oder Respekt?


Stuck: Den Respekt darfst du nie verlieren, obwohl im Bezug auf Sicherheit Quantensprünge gemacht wurden. Bei meinem zweiten Unfall war es allerdings eher Ungeduld. Ich habe damals nach der Gehirnerschütterung nicht genügend Ruhe gegeben und bin wieder Rennen gefahren. Nach einem Fahrfehler bin ich mit dem Kopf gegen den Überrollbügel geknallt. Dieser Schlag auf das noch nicht ausgeheilte Hämatom war dann fatal. Aber auf seine innere Stimme hört man ja oft zuletzt.


Walter: Was halten Sie von den deutschen Autofahrern?

Stuck: Der deutsche Fahrer ist grundsätzlich okay. Obwohl es auf der Autobahn natürlich schon eine gewisse Hackordnung gibt. Ein Mercedes lässt keinen BMW vorbei, ein BMW keinen Audi und so weiter. Das ist etwas schade.


Walter: War es ein Fehler, dass Michael Schumacher zurückgekommen ist?


Stuck: Der Michael kann nicht zu Hause rumsitzen. Der muss fahren.

Walter: Zerstört das nicht seinen Nimbus, seinen Ruf als Rekordweltmeister?

Stuck: Der Michael wird wieder kommen, wenn er das richtige Auto hat.

Walter: Stichwort: das richtige Auto. Sie haben 1979 in dem Pro Car Rennen, bei dem die besten Rennfahrer in gleichwertigen Autos antreten, den zweiten Platz gemacht. In der laufenden Formel 1 Saison 1979 rangierten Sie jedoch mit dem ATS-Team eher im hinteren Feld. Hatten Sie seinerzeit das richtige Auto?

Stuck: Wenn Sie die Top 15 Fahrer der Formel 1 in gleichwertige Autos setzen kommen die alle in einem Zeitfenster von zwei Sekunden an.

Walter: Herr Stuck, seit Ihrem siebten Lebensjahr sind Sie aktiver Motorsportler, haben Erfahrung und Erfolge wie kaum ein anderer. Als wir vorhin vor unserem Gespräch knapp zehn Minuten in der Boxengasse standen kam ständig jemand mit einem Autogrammwunsch zu Ihnen. Einige haben Sie sogar Modellautos signieren lassen. Macht das einen Großteil dessen aus, was Sie heute noch anspornt?

Stuck: Der Applaus des Publikums ist das Brot des Künstlers.

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