Walter Strategische Kommunikation

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Strategische Kommunikation
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„Grundsätzlich bin ich Menschenfreund. Auch bei Managern.“

Der Cartoonist Dirk Meissner im Gespräch mit Andreas Walter über das Humorverständnis deutscher Manager, die Kraft eines Cartoons und 30 Tage ohne Bewährung.

 

Walter:Herr Meissner, was kann ein Cartoon, was andere Medien nicht können?

Meissner: Ein Cartoon ist als Medium unschlagbar. Er kann von jetzt auf gleich die Dinge exakt auf den Punkt bringen.

Walter: Von jetzt auf gleich: Ihr Lieblingscartoon – Ihr Vorbild?

Meissner: Von der Art des Witzes ist für mich der kanadische Cartoonist Jim Unger unschlagbar. Eine Kostprobe: Ein Mann sitzt frisch verurteilt im Knast und seine Frau besucht ihn dort. Er: „Martha, ich hab` 30 Tage ohne Bewährung bekommen. Du darfst dein Leben jetzt nicht wegschmeißen. Such` dir einen neuen Mann.“

Walter: Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist vermutlich das beliebteste Thema für Witze, Cartoon und Comedy - wenn allerdings auch nur die Wenigsten auf dem Niveau eines Jim Unger sind. Aber Sie haben sich vor allem Manager ausgesucht. Wie kamen Sie auf die Welt des Business?

Meissner: Ich habe mich bereits während meines Ökonomie-Studiums mit diesem Thema beschäftigt. Schnell wurde mir dabei klar, was für ein Eldorado an Skurrilitäten, Witzen und komischen Situationen da vor einem liegt. Sagen Sie mir bitte, in welcher Berufsgruppe Eitelkeiten und Neurosen mehr gehegt und gepflegt werden als in der Managerwelt?

Walter: Haben denn deutsche Manager wenigstens Humor? Erkennen sie sich in Ihren Cartoons wenigstens selber samt ihre Neurosen oder sehen sie immer nur den anderen?

Meissner: Da haben Sie schon Recht. Meine Cartoons bieten fast immer die Möglichkeit, auch den anderen zu sehen. Aber die meisten Manager haben schon Humor. Humor ist schließlich eine besondere Form der Intelligenz und wer die nicht hat, scheitert oft schon vorher an seinem kommunikativen Unvermögen.

Walter: Sie veröffentlichen unter anderem äußerst erfolgreich Ihre Cartoonreihe „Hippenstocks Strategen“ jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung. Kottelmann – einer Ihrer Protagonisten – taugt fast zu einer Kultfigur, es gibt mittlerweile eine feste Fan-Gemeinde. Gehen Ihnen nicht nach drei Jahren langsam die Ideen aus?

Meissner: Nein. Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich habe eine Art genetisches Urvertrauen, dass die Anzahl der Witze unendlich ist. So ist jede neue Arbeit für mich eine neue Entdeckungsreise, bei der sich immer wieder andere Welten auftun. Zudem sind gewisse Konflikte quasi systemimmanent: dass sich beispielsweise jemand übervorteilt fühlt oder wenn zuviel Leute auf zu engem Raum sitzen, dann knallt es halt irgendwann. Das Leben ist zudem so komplex, dass sich auch im Zeitverlauf daraus immer wieder neue skurrile Situationen ergeben.

Walter: Kottelmann sollte ursprünglich nur für vier Wochen in der Süddeutschen Zeitung sein Unwesen treiben. Mittlerweile sind es drei Jahre. Wie würden Sie Ihr spezielles Humorverständnis beschreiben, mit dem Sie Dinge betrachten oder angehen?

Meissner:Um es zunächst negativ abzugrenzen: Das Schlimmste sind herbeigequälte, konstruierte Kalauer. Grausam. Furchtbar. Witz entsteht vielmehr aus ganz anderen Dingen. Vor allem aus Erwartungen, die nicht eintreffen oder Formen der Auseinandersetzung, bei der die Leute – oft unbewusst – durch andere degradiert werden. Mein Credo ist: Der Mensch ist nicht gut, der Mensch ist nicht schlecht. Der Mensch ist einfach schwach. Er ist anfällig und wie gemacht, Verführungen nachzugeben. Also: Wenn der Mensch Situationen ausnutzen kann, neigt er dazu, dies zu tun!

Walter: Hat eigentlich die Auseinandersetzung um die Mohammed-Karikaturen Cartoonisten und Medien vorsichtiger werden lassen?

Meissner: Das ist von Fall zu Fall verschieden. Aber man muss diese Thematik gar nicht so hoch aufhängen. Denn grundsätzlich gibt es immer Leisetreter auf der einen und solche, die Mut haben etwas auszuprobieren, auf der anderen Seite. Auch bei anderen vermeintlichen Tabus in unserer Gesellschaft. Zu dem Karikaturenstreit gibt es für mich zwei klare Aussagen. Zum einen darf die Meinungs- und Pressefreiheit in keinem Fall gefährdet werden. Denn es kann nicht sein, dass beispielsweise ein Kollege von mir monatelang untertauchen musste, nur weil die Stimmung während des Karikaturenstreits so aufgepeitscht war. Andererseits muss man auch ehrlich sein und sagen, dass die Beiträge im Falle der Mohammed-Karikaturen nicht besonders hochgeistig waren. Aber um auf die Grundintention Ihrer Frage zu antworten: Es ist ganz klar, dass Cartoons auch verletzen können. Somit muss jeder seine persönliche moralische Grenze ziehen.

Walter: Wo ziehen Sie Ihre Grenze?

Meissner: Sie werden bei mir nie Zynismus finden. Sie werden nie Situationen finden, in denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Ich sag es mal so: Ich bin da eher ein Menschenfreund… auch bei den Managern. Eben weil der Mensch schwach ist.

Walter: Über welche Schwächen freuen Sie sich am meisten? Haben Sie Lieblingsthemen?

Meissner: Nein. Da leg ich mich nicht fest. Grundsätzlich gilt bei einer guten Idee: Der Humor hat immer Vorfahrt.

 

Zur Person

Dirk Meissner, Jahrgang 1964, zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Cartoonisten. Seine Manager-Cartoons erscheinen unter anderem im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung, in dem Magazin börse-online und weiteren Fachzeitschriften. Meissner hat zudem verschiedene Bücher veröffentlicht, für Unternehmen und Verbände zahlreiche Cartoon-Serien verfasst und ist Inhaber der Galerie „Der rote Pinguin“, in der auch das Gespräch geführt wurde. Dirk Meissner im Netz: www.meissner-cartoons.de

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