Walter Strategische Kommunikation

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Strategische Kommunikation
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„…klare Regeln, konsequente Sanktionen..“

Andreas Walter im Gespräch mit Christoph Hegener, Rektor einer Förderschule in Oberhausen, über Gewalt in der Schule, Vorbilder und private Erziehungskonzepte.

Walter: Herr Hegener, Förder- und Hauptschulen werden meist gleichgesetzt mit Gewalt, Respektlosigkeit und Desinteresse am eigenen Fortkommen. Sind die deutschen Tugenden ein seltener Gast bei Ihnen an der Stötznerschule in Oberhausen?

Hegener: Unbestritten ist, dass wir in der Tat diese Tugenden gerne öfter bei uns hätten. Denn im Prinzip versuchen wir ja Tag für Tag Dinge wie Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit zu vermitteln, was alles andere als leicht ist. Andererseits täuschen Sie sich, wenn Sie jede Förder- oder Hauptschule als potentielle Brutstätte von Amokläufern sehen. Ich behaupte sogar, dass solche Dinge wie der Amoklauf eines Schülers bei uns nicht passieren kann. Damit will ich aber nicht sagen, dass Gewalt bei uns kein Thema ist.

Walter: Wie gehen Sie mit dem Thema Gewalt um? Anders gefragt: Kann man gewaltbereite Jugendliche überhaupt steuern und führen?

Hegener: Das geht nur mit klaren Regeln, die an ebenso klare Sanktionen gekoppelt sind. Was uns sicherlich die Sache etwas erleichtert, ist, dass wir mit 120 Schülern relativ klein sind.

Walter: Arbeiten Sie nach einem speziellen pädagogischen Konzept?

Hegener: Alles folgt einem konzeptionellen Grundgedanken. Dieser Grundgedanke besagt, dass wir Bedingungen schaffen müssen, die es uns ermöglichen um die Schüler zu kümmern die lernen wollen und nicht um die, die genau das verhindern.

Walter: Wie setzen Sie das um?

Hegener: Wir haben drei Regeln, die für alle gelten. Egal ob Lehrer oder Schüler, egal ob jünger oder älter. Und wir haben vor allem ein Sanktionierungssystem.

Walter: Wie lauten die drei Regeln?

Hegener:

1. Jeder Schüler hat das Recht auf störungsfreien Unterricht.
2. Jeder Lehrer hat das Recht auf störungsfreien Unterricht.
3. Wir gehen respektvoll miteinander um.


Walter: Und das funktioniert? Das klingt zunächst sehr idealistisch – eher nach einem ersten schulpolitischen Referentenentwurf des Kultusministeriums als nach einem wirkungsvollen Mittel, Kinder einer Oberhausener Förderschule Lerninhalte zu vermitteln.

Hegener: Da liegen Sie allerdings falsch. Im Gegenteil. Ich behaupte sogar, dass diese Regeln zum Teil auch dafür verantwortlich sind, dass die Meisten bei uns gerne zur Schule gehen.

Walter: Lassen Sie uns noch etwas bei den Regeln bleiben. Denn interessant wird es je erst, wenn die Regeln nicht eingehalten werden. Sie erwähnten vorhin ein Sanktionierungssystem?

Hegener: Richtig. Im Wesentlichen funktioniert das wie beim Fußball: Verwarnung, gelbe Karte, rote Karte, ab in die Kabine. Wir haben einen Trainingsraum, der quasi eine Mischung von Fußballkabine und Sportgericht ist. Dort sitzt ein Lehrer, der mit dem betroffenen Schüler einen Vertrag schließt, der auch den Grund des Verweises beinhaltet. Zum Zweiten muss der
Schüler formulieren, was er tun wird, damit dies nicht noch einmal passiert.

Walter: Und wenn er sich dem verweigert…

Hegener: …..dann schicken wir ihn nach Hause und er darf nur mit seinen Eltern wiederkommen.

Walter: Erfahren Sie dann Unterstützung durch die Eltern?

Hegener: Das ist sehr unterschiedlich. Manche ziehen durchaus mit, anderen wiederum ist es recht egal. Leider sind dafür oft Kommunikationsprobleme verantwortlich.

Walter: Das klingt sehr vorsichtig. Sie meinen fehlende Deutschkenntnisse?

Hegener: Oft. Ja.

Walter: Wenn die Eltern somit als Orientierungspunkt und Vorbild ausfallen, an wem orientieren sich die Schüler? Doch sicher nicht an Michael Ballack, Tokio Hotel oder Heidi Klum – die
Vorbilder deutscher Jugendlicher laut einer Spiegel-Studie aus dem vergangenen Jahr?

Hegener: Nein. Eher nicht. Da spielt generell die Rap-Szene eine Rolle, vor allem so etwas wie lokale Youtube-Helden. Das sind junge Männer, die genauso posen wie zum Beispiel Bushido…nur ein paar Nummern kleiner und mit lokalem Bezug. Halt aus Oberhausen.

Walter: Und welche Rolle spielen Marken?

Hegener: Die sind ebenfalls sehr wichtig. So eine Art geliehenes Selbstbewusstsein.

Walter: Herr Hegener, Sie haben selber zwei kleine Kinder. Abschließende Frage: Erziehen Sie als Pädagoge Ihre Kinder auch nach einem bestimmten Konzept?

Hegener: Tja, unfaire Frage…Natürlich gehe ich da als Lehrer auch privat konsequent und mit festem Konzept vor: unprofessionell, inkonsequent und emotional.

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