Walter Strategische Kommunikation

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Strategische Kommunikation
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Fünf Fragen zum Thema „Angst“ an Dr. Birgit Meyer-Schwickerath

Walter: Frau Dr. Meyer-Schwickerath, was ist eigentlich Angst? Wo entsteht sie? Was macht sie?

Dr. Meyer-Schwickerath:
Angst gehört zur Grundausstattung des Menschen. Sie ist ein Gefühl, das überlebenswichtig ist. Angst entsteht im Mittelhirn, in der Amygdala. Von hier aus werden alle Systeme „hochgefahren“, die den Menschen in eine Situation versetzt, in der er entweder „kämpfen“ oder „flüchten“ kann. Dazu braucht er ein schlagkräftiges Herz, eine hohe Muskelspannung, eine gute Durchblutung und hohe Konzentration.  Für diesen Zustand sorgen Hormone wie das Adrenalin aus der Nebennierenrinde , die ihrerseits wieder durch die Hirnanhangdrüse zu einer vermehrten Produktion stimuliert wird. Wenn also früher der Säbelzahntiger am Horizont auftauchte, dann lief diese Aktivierung auf Hochtouren.

Walter: Nun sind heutzutage frei herumlaufende Säbelzahntigern nicht mehr die primäre Bedrohung. Dafür gibt es jede Menge anderer Ängste. Beispielsweise im Job, wenn ich mich mit neuen, bis dato ungewohnten Situationen arrangieren und mit erhöhtem Druck umgehen muss oder sich mein Aufgabenfeld erweitert. Wie gehe ich da mit Ängsten um?

Dr. Meyer-Schwickerath:
Die heutige Angst hat leider kein lebensbedrohendes Gegenüber mehr. Wir bleiben auf unseren Schreibtischstühlen sitzen und entwickeln Ängste vor Situationen, die anderer Art sind: Vielleicht Angst vor Arbeitslosigkeit, vor Mobbing, vor Entwertung. Das Problem ist, dass der Mensch als einziges  Wesen so viel Phantasie besitzt, dass er sich Situationen ausmalt, die die gleiche Kaskade von hormonellen und körperlichen Folgereaktionen auslöst, wie früher beim Steinzeitmenschen. Hinzu kommt, dass Angst heute ein sehr negatives Image hat und man sich ihrer schämt.  Man redet ungern drüber, das Thema „Angst“ ist hochgradig tabuisiert, Angst hat man einfach nicht. Doch glauben Sie allen Ernstes, dass beim Abschluss eines Milliardendeals in der Wirtschaft die Verantwortlichen keine Angst haben? Habe ich etwas Wichtiges übersehen? Bin ich gut beraten worden? Sind meine Partner loyal? Oder was glauben Sie, wie viel von den gut bezahlten, in dunklen Anzügen hektisch im Airport zum Check-in hetzenden Managern höllische Flugangst haben?

Walter: Und woher kommt dieses schlechte „Image von Angst“?

Dr. Meyer-Schwickerath:
Das liegt in erster Linie an dem Unwissen über die physiologischen Zusammenhänge bei dem Thema. Man kann es auch anders formulieren: Ein Mensch der keine Angst hat, ist hochgradig existenziell gefährdet. Denn Angst ist das Veränderungsgefühl schlechthin. Egal ob Job oder privat. Bei jeder größeren Veränderung entsteht Angst, das ist ein normaler, physiologischer Vorgang, und definitiv etwas, wofür man sich nicht schämen braucht. Jeder hat das Recht auf Angst. Angst steht jedem zu.

Walter: Wie kann man Ängsten begegnen?

Dr. Meyer-Schwickerath:
Durch Wissen. Durch das Wissen um die physiologischen Vorgänge. Jede große Veränderung verursacht zunächst einmal eine Störmeldung im Gehirn. Das Gehirn ordnet diese Veränderung dann zu: gab es so etwas schon mal oder nicht? Findet der Neocortex keine Übereinstimmung, gerät er in Stress. Dauerhafter Stress kann zu psychosomatischen Erkrankungen führen, z.B. durch eine über längere Zeit hohe Produktion von Kortison. Aber, und das ist das Geniale, das Gehirn kann selbständig solche Anpassungsleistungen erbringen, um den Stress wieder zu reduzieren – das nennt man Neuroplastizität. Das Schöne ist, dass Sie gar nichts tun müssen  Diese Anpassung macht das Gehirn alleine. Das Einzige was wir tun können, ist günstige Bedingungen herstellen für diese Neuroplastizität. So wie jemand seinem beruflich erfolgreichen Partner den Rücken freihält. Außerdem bieten wir Angstpatienten immer eine Gesprächstherapie an. Der einzige Weg mit Angst vor Veränderung umzugehen, ist darüber zu reden.

Walter: Was würden Sie Unternehmen raten, wenn sie vielen ihrer Mitarbeiter kündigen müssen? Was kann Kommunikation in diesem Zusammenhang leisten?

Dr. Meyer-Schwickerath:
Vor allem Entlastung geben und  eben – so gut es geht – Rahmenbedingungen schaffen. Wenn der Betroffene sieht, dass man sich ernsthaft kümmert, dann sind das die besten Bedingungen. Es sollte immer ein Coaching zur mentalen Entlastung angeboten werden und dieses mit einer Beratung für die weitere berufliche Zukunft kombiniert werden. Das hilft häufig am effektivsten.

 

 

Vita: Frau Dr. Birgit Meyer-Schwickerath, Jahrgang (1952), ist freiberuflich tätige Psychotherapeutin. Die promovierte Medizinerin verfügt über jahrelange Erfahrungen in der Psychotherapie. Eines ihrer Schwerpunkte ist das Coaching von Krebspatienten.

 

Die Fragen stellte Andreas Walter

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